Ist Lithiumion sicher?
Riesiger
Rückruf von Akkus bereitet Sorgen
von Isidor Buchmann
Cadex Electronics Inc.
isidor.buchmann@cadex.com
www.buchmann.ca - www.BatteryUniversity.com
September 2006
Sony wusste
von den potentiellen Sicherheitsrisiken, als die Firma 1991
den ersten Lithiumion-Akku auf den Markt brachte. Der Rückruf
der bis dato verkauften wieder aufladbaren Akkus aus metallischem
Lithium war eine Warnung, dass Vorsicht geboten ist, wenn
es sich um Akkus hoher Energiedichte handelt.
Bereits 1912 begann G. N. Lewis mit den Pionierarbeiten auf
den Lithium-Akku hin; die erste nicht wieder aufladbare Lithium-Batterie
kam aber erst 1970 auf den Markt. In den achtziger Jahren
wurde dann versucht, einen wieder aufladbaren Lithium-Akku
zu entwickeln. Die frühen Modelle basierten noch auf
metallischem Lithium mit sehr hoher Energiedichte.
Instabilitäten des Lithiummetalls, insbesondere während
des Ladevorgangs, stellten diese Entwicklung in Frage. Die
Zelle konnte thermisch durchgehen. Ihre Temperatur stieg dann
schnell bis zum Schmelzpunkt des metallischen Lithium an,
was zu gefährlichen Reaktionen führte. Eine große
Menge nach Japan exportierter wieder aufladbarer Lithium-Akkus
musste 1991 zurückgerufen werden, nachdem aus einem Handy
heiße Gase austraten und das Gesicht eines Mannes leicht
verletzte.
Wegen der Instabilität des Lithiummetalls konzentrierte
sich die Forschung auf einen nichtmetallischen Lithium-Akku
mit Lithiumionen. Zwar ist die Energiedichte des Lithiumion-Systems
niedriger, doch wenn bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beim
Laden und Entladen berücksichtigt werden, besteht keine
Gefahr. Lithiumion ist eine der erfolgreichsten und sichersten
Akkuchemien, die heute verfügbar sind. Jährlich
werden zwei Milliarden Zellen hergestellt.
Lithiumion hat gegenüber Nickel-Akkus die doppelte und
gegenüber Blei-Säure-Akkus die vierfache Energie.
Ein weiterer Vorteil von Lithiumion ist der geringe Wartungsaufwand
gegenüber den meisten anderen Chemien. Es gibt keinen
Memory-Effekt und der Akku benötigt kein regelmäßiges
Entladen/Laden zur Erhaltung der Lebensdauer. Weiterhin hat
Lithiumion nicht das Sulfatierungsproblem von Blei-Säure,
wenn der Akku ohne regelmäßige Auffüllladung
gelagert wird. Die Selbstentladung von Lithiumion ist gering
und das System ist umweltfreundlich. Bei der Entsorgung ist
die Umweltbelastung minimal.
Doch bei dem quantitativ großen Einsatz von Lithiumion
in Handys, Digitalkameras und Laptops muss es auch Probleme
geben. Eine Fehlerhäufigkeit von 1 zu 200.000 führte
zu einem Rückruf von nahezu sechs Millionen Lithiumion-Packs
von Dell- und Apple-Laptops. Durch Hitze ausgelöste Akkuausfälle
werden ausgesprochen ernst genommen, und die Hersteller sind
diesbezüglich sehr vorsichtig. Die Entscheidung, die
Akkus auszutauschen, beruhigt die Verbraucher und zügelt
den Ehrgeiz der Rechtsanwälte. Was steckt hinter dem
Rückruf?
Laut Sony Energy Devices (Sony), dem Hersteller der fraglichen
Lithiumion-Zellen, besteht die äußerst geringe
Möglichkeit, dass Metallteilchen in Kontakt mit anderen
Teilen der Akkuzelle kommen und einen Kurzschluss innerhalb
der Zelle verursachen. Die Akkuhersteller geben sich alle
Mühe, bei der Produktion die Präsenz von Metallteilchen
auszuschließen, doch die komplexen Montageverfahren
machen das Eliminieren des Metallstaubs fast unmöglich.
Zellen hoher Energiedichte mit sehr dünnen Separatoren
sind anfälliger gegenüber Verunreinigungen als ältere
Bauarten niedriger Kapazität.
Ein kleiner Kurzschluss führt nur zu einer erhöhten
Selbstendladung. Die Wärmeentwicklung ist gering, da
die Entladungsenergie sehr gering ist. Wenn sich jedoch genügend
viele mikroskopisch kleine Metallteilchen auf einer Stelle
befinden, kommt es zu einem starken elektrischen Kurzschluss
mit einem hohen Kurzschlussstrom zwischen der positiven und
der negativen Platte. Die Temperatur steigt und es kommt zu
einem thermischen Durchgehen, einem flammenden Gasaustritt.
Die Temperatur von Lithiumion-Zellen mit Kobaltkathoden (wie
die der zurückgerufenen Laptopakkus) sollte nicht über
130 °C (265 °F) steigen. Bei 150 °C (302 °F)
wird die Zelle thermisch instabil: ein Zustand, der zu einem
thermischen Durchgehen führen kann, bei dem flammende
Gase austreten.
Bei einem thermischen Durchgehen kann die fehlerhafte Zelle
die benachbarte Zelle erhitzen, wodurch sie ebenfalls thermisch
instabil wird. In einigen Fällen kann es jetzt zu einer
Kettenreaktion kommen, bei der eine Zelle nach der anderen
explodiert. Ein Pack kann innerhalb von wenigen Sekunden oder
in mehreren Stunden zerstört werden. Um die Sicherheit
der Zellen zu erhöhen, werden sie mit einer Dämmung
ausgestattet, die verhindert, dass die Hitze sich ausbreiten
kann.
Das
Sicherheitsniveau von Lithiumion-Systemen
Man unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen
Lithiumion-Chemien: Kobalt und Mangan (Spinell). Wegen der
höheren Kapazität werden Handys, Digitalkameras
und Laptops mit Lithiumion auf Kobaltbasis ausgestattet. Mangan,
die neuere der zwei Chemien, bietet eine höhere thermische
Stabilität. Die Zelle wird erst bei 250 °C (482 °F)
instabil. Außerdem bringt Mangan einen sehr niedrigen
Innenwiderstand mit sich, sodass bei Bedarf ein hoher Strom
zur Verfügung steht. Darum werden diese Akkus immer häufiger
für Elektrowerkzeuge und medizinische Geräte benutzt.
Der Einsatz in Hybrid- und Elektrofahrzeugen steht bevor.
Der Nachteil von Spinell ist die niedrige Energiedichte. Normalerweise
bietet eine Zelle mit einer Kathode aus reinem Mangan nur
etwa die Hälfte der Kapazität von Kobalt. Die Benutzer
von Handys und Laptops wären nicht erfreut, wenn die
Laufzeit ihrer Akkus halbiert würde. Statt weniger, verlangt
der Verbraucher mehr gespeicherte Energie für die neuen
Funktionen, die mehr Strom verbrauchen.
Die Hersteller von Lithiumion-Akkus bieten einen Kompromiss
von hoher Energiedichte, Betriebssicherheit und hohem Stromangebot,
indem sie verschiedene Kathodenmetalle verwenden. Typische
Komponenten der Mischung sind Kobalt, Nickel, Mangan und Eisenphosphat.
Lithiumion-Systeme sind noch nicht ausgereift, denn es scheint
noch möglich, die Energiedichte weiterhin zu erhöhen.
Bisher konnte diese bei Lithiumion jährlich um sage und
schreibe 8-10% erhöht werden.
Ein Erhöhen der Energiedichte einer Zelle verstärkt
die Sicherheitsbedenken, und es müssen geeignete Maßnahmen
zur Erfüllung der Sicherheitsnorm UL 1642 getroffen werden.
Während ältere 18650-Zellen mit 1,35 Ah einen Nageltest
tolerieren konnten, würde eine Zelle mit 2,4 Ah zu einer
Bombe werden, wenn sie so geprüft würde. UL 1642
fordert keinen Nageltest.
Akkusicherheit
geht vor
Ich kann dem Leser versichern, dass Lithiumion-Akkus sicher
und durch Überhitzung verursachte Ausfälle selten
sind. Die Akkuhersteller erzielen diesen hohen Grad an Zuverlässigkeit
durch drei weitere Schutzmaßnahmen. Diese sind: 1. Begrenzung
der Menge aktiven Materials, sodass Energiedichte und Sicherheit
optimal ausgewogen sind. 2. Integration verschiedener Sicherheitsmechanismen
in die Zelle. 3. Integration eines elektronischen Schutzkreises
in den Akkupack.
Diese Maßnahmen funktionieren folgendermaßen:
Ein PTC-Widerstand verhindert hohe Stromspitzen, ein CID öffnet
den Stromkreis, wenn eine hohe Spannung den internen Zellendruck
auf 10 Bar (150 psi) ansteigen lässt, und ein Sicherheitsventil
erlaubt das kontrollierte Ablassen von Gas, wenn der Zellendruck
schnell ansteigt. Neben den mechanischen
Sicherheitseinrichtungen öffnet der externe elektronische
Schutzkreis einen Halbleiterschalter, wenn die Ladespannung
einer Zelle 4,30 V erreicht. Eine Sicherung unterbricht den
Stromfluss, wenn die Temperatur der Außenhülle
der Zelle gegen 90 °C (194 °F) steigt. Um ein zu hohes
Entladen des Akkus zu verhindern, wird die Entladung unterbrochen,
wenn die Spannung einer Zelle auf 2,5 V absinkt. Bei bestimmten
Anwendungen ist wegen der höheren Sicherheit des Spinellsystems
ein elektrischer Schutzkreis nicht notwendig. In diesen Fällen
verlässt sich der Akku völlig auf die in die Zelle
integrierten Schutzeinrichtungen.
Dabei ist zu beachten, dass diese Schutzeinrichtungen nur
dann wirksam sind, wenn die Einwirkung von außen erfolgt,
wie bei einem Kurzschluss oder einem defekten Ladegerät.
Unter normalen Umständen schalted der Lithiumion-Akkus
aus, wenn ein Kurzschluss auftritt. Wenn jedoch der Defekt
innerhalb der elektrochemischen Zelle auftritt, wie bei einer
Verschmutzung durch mikroskopisch kleine Metallteilchen, wird
diese Anormalität nicht erkannt. Auch kann der Schutzkreis
den Zerfall nicht aufhalten, wenn die Zelle thermisch durchgeht.
Nichts kann es aufhalten, wenn es einmal ausgelöst ist.
Es ist besonders gefährlich, wenn eine statische Entladung
oder ein defektes Ladegerät den Schutzkreis des Akkus
zerstört hat. Bei solch einer Einwirkung können
die Halbleiterschalter durchbrennen, sodass sie ständig
leitend sind, als ob sie durchgeschaltet wären. Ein Akku
mit einem defekten Schutzkreis kann ganz normal funktionieren,
ist jedoch nicht mehr geschützt.
Ein weiteres Problem stellt das Laden bei niedriger Temperatur
dar. Lithiumion-Akkus für den Normalverbraucher können
unter 0 °C (32 °F) gar nicht geladen werden. Obwohl
die Packs scheinbar normal geladen werden, wird die Anode
beim Laden unter dem Gefrierpunkt mit metallischem Lithium
überzogen. Dieser Überzug ist permanent und kann
nicht entfernt werden. Wenn dieses öfter geschieht, kann
solch ein Schaden die Sicherheit des Packs beeinträchtigen.
Der Akku reagiert empfindlicher auf Stoß, Druck und
hohe Ladeströme.
In Asien werden viele generische Ersatzakkus hergestellt,
die wegen des niedrigen Preises gern von Handybesitzern gekauft
werden. Viele dieser Akkus besitzen nicht das Sicherheitsniveau
der Markenakkus. Man sollte darum ein wenig mehr ausgeben
und den Akku mit einem empfohlenen Fabrikat ersetzen. Abbildung
1 zeigt ein Handy, das beim Aufladen in einem Auto zerstört
wurde. Der Besitzer meint, dass das generische Pack Schuld
sei.
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Abbildung
1:
Ein Handy mit einem generischen Akku, der beim Ladevorgang
hinten im Auto ausgebrannt ist. |
Um die Marktinfiltration gefährlicher Packs zu vermeiden,
verkaufen die meisten Hersteller ihre Lithiumion-Zellen nur
an zugelassene Montagebetriebe. Die Integration eines zugelassenen
Schutzkreises ist eine Bedingung des Kaufvertrages. Dadurch
ist es nicht leicht für einen Bastler, einzelne Lithiumion-Zellen
im Einzelhandel zu bekommen. Der Bastler ist gezwungen, auf
Nickel-Akkus zurückzugreifen. Ich kann die Benutzung
von nicht identifizierbaren Lithiumion-Akkus aus Asien nicht
empfehlen, sollten sie erhältlich sein.
Besondere Vorsicht ist bei großen Akkus wie z. B. für
Laptops geboten. Gibt es Probleme, ist die Gefahr sehr viel
größer als bei kleinen Handyakkus. Aus diesem Grund
versehen viele Laptophersteller ihre Akkus mit einem Geheimcode,
den nur der entsprechende Computer lesen kann. Hierdurch werden
generische Akkus vom Markt ferngehalten. Der Nachteil ist,
dass die Ersatzakkus teurer sind.
Die Leser von www.BatteryUniversity.com
erkundigen sich oft nach einer Quelle für billige Laptopakkus.
Ich muss sie enttäuschen, indem ich sie auf die Vertragshändler
von Markenakkus verweise.
Fazit
Zieht man die Anzahl der im Gebrauch befindlichen Lithiumion-Akkus
in Betracht, hat dieser Energiespeicher relativ wenig Sach-
und Personenschäden verursacht. Trotzdem ist die Sicherheit
dieses Akkutyps ein heißes Thema, das viel Beachtung
in den Medien findet, selbst bei einer kleinen Panne. Für
den Verbraucher ist das gut, da alles getan wird, die Sicherheit
dieses beliebten Energiespeichers zu gewährleisten. Nach
dem Rückruf der Akkus der Dell- und Apple-Laptops, werden
die Hersteller der Akkuzellen sich nicht nur darauf konzentrieren,
mehr Energie hineinzustecken, sondern sie werden auch versuchen,
die Zellen noch sicherer zu machen.
Über
den Autor
Isidor Buchmann ist Gründer und Geschäftsführer
der in Vancouver / BC ansässigen Cadex Electronics Inc.
Herr Buchmann ist in der Radiokommunikation zu Hause und hat
das Verhalten von wieder aufladbaren Akkus über zwei Jahrzehnte
hinweg anhand praktischer Anwendungen studiert. Als preisgekrönter
Autor vieler Bücher und Artikel über Akkus hat Herr
Buchmann auf Seminaren und Konferenzen auf der ganzen Welt technische
Vorträge gehalten.
Cadex Electronics ist Hersteller von modernen Akku-Lade- und
Akku-Analysegeräten sowie von PC-Software. Produktinformationen
finden Sie im Internet unter www.cadex.com.
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